Festwirtsfamilie Müller-Reichart verlässt Kiliani nach 79 Jahren
Montag, 21. Juli 2008 19:25
Statement der Stadt Würzburg
OB Rosenthal bedauert Rückzug der Familie Müller-Reichart
Wir bedauern es sehr, dass die Familie Müller-Reichert nach 79 Jahren dem Kiliani-Fest den Rücken kehrt,“ betont Oberbürger-meister Georg Rosenthal, der am Freitag von Festwirt Peter Müller-Reichart per Fax von seiner Kündigung informiert worden war. „Die Familie Müller-Reichart war für uns immer ein verlässlicher Partner bei der Ausrichtung des Kiliani-Festes und ist dies immer noch,“ so Rosenthal. Dass die Stadtverwaltung den Festwirt bei der Vergabe für den Festzeltvertrag im Herbst bewusst getäuscht habe, weist Rosenthal, der seit 1. Mai im Amt ist, zurück. „Bereits in den vergangenen Jahren hat die Stadtverwaltung am gleichen Standort gastronomische Angebote wie das Weinzelt oder den Kiliani-Treff genehmigt – Festwirt Müller-Reichart konnte auf Grund seiner langjährigen Erfahrung beim Kiliani-Fest damit rechnen, dass auch in diesem Jahr dort wieder ein gastronomisches Angebot gleich welcher Art gemacht wird“.
Die Stadt setzt bei ihrem Konzept für Kiliani nicht auf viele gastronomische Kleinbetriebe, sondern auch weiterhin auf einen Festwirt. Um jedoch mit dem Kiliani-Fest alle Zielgruppen abdecken zu können, wurde im Vorfeld des Kiliani-Festes 2008 über eine Änderung des Konzepts nachgedacht. Die Entscheidung für den Stadlwirt, der über nur 300 Sitzplätze im Innenbereich und 250 Sitzplätze im Biergarten verfügt, wurde schließlich im April 2008 getroffen. „Das Kiliani 2008 hat gezeigt, dass dieses veränderte Konzept mit Event-Gastronomie sowohl dem etablierten Festwirt wie auch dem gesamten Festplatz zu Gute kommt.“ In einem Gespräch mit Oberbürgermeister Georg Rosenthal bekräftigte Hofbräu-Geschäftsführer Hans Haug, dass die Würzburger Hofbräu auch nach dem Rückzug von Festwirt Müller-Reichart fest zum Kiliani-Fest und –Festzelt stehe. „Ich begrüße es außerordentlich, dass die Würzburger Hofbräu sich zum Festzelt bekennt und mit ihrer gastronomischen und wirtschaftlichen Kompetenz weiterhin dem Kiliani treu bleibt.“
Statement Festwirtsfamilie Müller-Reichart
Die Festwirtsfamilie Müller-Reichert kündigte am Freitag morgen, gemäß der vereinbarten Frist beim OB der Stadt Würzburg Georg Rosenthal den Pacht-Vertrag für das Kiliani Festzelt 2009 und verlässt damit das Kiliani-Volksfest nach 79-jährigem Engagement entsprechend den anlässlich der traditionellen 56. Kiliani-Festbierobe erklärten Worten unseres OB nach dem kommenden Sonntag “über die Friendensbrücke”.
Es bleibt die persönliche Enttäuschung in der Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, welche wir über viele Jahre als Partnerschaft gesehen und erfahren haben. Grund hierfür ist die Zulassung des “Kiliani-Stadl”, nicht weil er unsere Umsätze beeinträchtigt, sondern, weil wir ein jahrzehntelanges Vertrauensverhältnis verletzt sehen. Selbstverständlich akzeptieren wir Wettbewerb, aber: Gastronomie-Umsätze sind nicht beliebig vermehrbar. Wir als erfahrene Unternehmer können uns auf Konkurrenz einstellen, aber hier fehlt ein fairer Umgang der Stadt Würzburg mit einem langjährigen Vertragspartner.
Über die Vergabe des Kiliani-Bierzeltvertrages hat satzungsgemäß der Stadtrat – vom Oberbürgermeister/in unterschrieben – entschieden. Alle anderen Verträge auf dem Festplatz – somit auch der des Kiliani-Stadlwirts – werden durch die Verwaltung entschieden. Es stellt sich für uns die Frage, hat die Spitze der Stadt nichts gewusst, ihre Verwaltung nicht im Griff oder hat sie uns bewusst getäuscht, als sie uns beginnend mit erneuter Vertragsverlängerung im Herbst letzten Jahres nichtsahnend in die Vorbereitung des diesjährigen Kiliani-Festes hat laufen lassen.
Wir haben im vergangenen Jahr zum 30.09.2007 wiederum unseren Vertrag zu den uns bekannten Konditionen verlängert. Wir aben natürlich auch 2008 wieder diesen Vertrag in gesamtem Ausmaß erfüllt, ein Zelt entsprechend den Vertragsdimensionen in hoher Qualität installiert und – wie wir glauben – zur Zufriedenheit unserer Gäste un der Stadt Würzburg ordentlich betrieben.
Das Kiliani-Volksfest wurde von der Stadt Würzburg in den vergangen Jahren mehrfach “weiterentwickelt”. Die stetige Erhöhung der Anzahl der Gaststätten und Gastronomieplätze auf dem Festplatz (2004 bereits 1356, 2007 1536, heuer 2008 1972 Sitzplätze zzgl Stehplätze “Stadtwirt”, bei dem geplant ist 2009 in einer Doppelstockvariante nochmals zu erweitern) führte zu Veränderungen und neuen Vorruassetzungen. Im Gegenzug haben wir im Laufe der Jahre unsere Sitzplatzkapazität die 6500 Innenplätze auf rund 3300 Innen-Sitzplätze und rund 1000 Garten-Sitzplätze reduziert, was immer noch an den meisten Tagen eine Überkapazität darstellt.
In diesem Jahr gibt es einschließlich unseres Festzeltes, jedoch ohne Talavera Schlössle auf dem Festplatz 25 gastronomische Betriebe bzw. Betriebe welche Lebensmittel anbieten. Dies besdeutet bei 75 Schaustellern ist also jeder dritte Betrieb ein Anbieter von Speisen und Getränken. Das sind veränderte Rahmenbedingungen, auch für unseren Vertrag
Für 2008 haben wir hohe Investitionen für unser Zelt realisiert – hatten aber gleichzeitig leider keine Kenntnis vom “Projekt Stadlwirt” gehabt. Ein schmälers oder kleineres Zelt nach Art “Reisender Festwirte” entspricht nicht unseren Vorstellungen vom Würzburger Kilianifest. Wir wollen auch nicht auf das Niveau von Kleinstädten rutschen. Die Organisatoren von Schweinfurt z.B sind diesen Weg über mehrer Jahre gegangen, haben eine Anzahl kleiner Biergärten auf dem Festplatz installiert und haben nun überhaupt kein Festzelt mehr, dagegen nur noch einen Gastronomie-Betrieb vergleichbar dem Stadlwirt. “Reisende Festwirte” können Grund ihrer Betriebsstruktur mit ihren Zelten deutlich kostengünstiger als wir arbeiten und haben keine sozialen Verpflichtungen in unserer Stadt.
Offensichtlich setzt die Stadt auf viele gastronomische Kleinbetriebe auf dem Festplatz. Dieses neue Konzept der Stadt ist für uns nicht nachvollziehbar. Unserer Erkenntnis ist es bereits an anderen Festplätzen gescheitert mit der Folge des Wegfalls der großen Festzelte. Bisher war das große Zelt der Stolz unseres Festplatzes. Künftig wird das Kiliani-Bierzelt in welcher Form auch immer von einem neuen Betreiber und nicht mehr von der Familie Müller-Reichart bewirtschaftet werden.
Noch ein Punkt bewegt uns: Während des Festes 2008 tat man als würde man “Kiliani endlich neu erfinden” und unsere Leistungen der vergangen Jahren und Jahrzehnte seien selbstverständlich, jedoch zu traditionell und veraltet. Das stimmt nicht. Wir haben jährlich aufwendige Innovationen durchgeführt, Trends erkannt, mit der Verwaltung abgestimmt und uns darauf eingestellt, Ideen und Programme abgestimmt und damit einen qualitativ hochwertigen Betrieb mit Engagement geführt. Vielfach hat man uns in Dimensionen und Gestaltung mit dem Münchener Oktoberfest-Zelten verglichen. Dass sich die gastronomischen Gegebenheiten auf dem Festplatz so krass erweitert haben und auch andere Veranstaltungen im Umfeld des Kiliani-Festes – wie diesmal z.B. das Hofgartenfest – ebenfals stärker frequentiert wurden, schwächt ein Riesenbierzelt wie wir es führen. Unsere Konsequens war die Kündigung unseres Bewirtschaftungsvertrages. Eine neue Vertragsverhandlung zu veränderten Konditionen steht für uns nach diesen Erfahrungen nicht zur Diskussion.
Abschied heißt für uns auch “DANKE” sagen.
Danke an die vielen an der aktuellen Problematik nicht beteiligten Mitarbeiter der Stadt Würzburg mit denen wir jahrelang eine hervorragende Zusammenarbeit pflegten.
Besonderen Dank an die Würzburger Hofbräu, die in diesem besonders schwierigen Jahr die Treue zum Festwirt gehalten hat und ein hohes Maß an Unterstützung lieferte. Diese Partnerschaft besteht nun in diesem Einvernehmen bereits seit 113 Jahren und wird auch künftig fortgesetzt. Wir bedauern unseren Vertragspartner durch unsere Aufgabe im Kiliani-Bierzelt zu entäuschen.
Danke an die Medien, die uns die vielen Jahre fast ausnahmslos sachlich und wohlwollend begleitet haben.
Danke an die rund 160 Mitarbeiter, die z.T. sogar mehr als 50 Jahre für unsere Familie auf Kiliani tätig waren. Es tut uns weh unseren Mitarbeiter aus der Region ihren traditionellen Arbeitsplatz nicht mehr anbieten zu können.
Letzlich vor allem danke an unsere Gäste und Kunden für die Jahrzehnte der Treue und Sympathie. Wir haben schöne gemeinsame Stunden gefeiert.
Unser soziales und gesellschaftliches Engagement werden wir auch künftig weiterhin in unsere Heimatstadt einbringen, jedoch beruflich und privat anderen, neuen Aufgaben und Zielen zuwenden.
Wir wünschen dem Kiliani-Volksfest eine gute und erfolgreiche Zukunft. Für unsere Familie ist dies eine klare und überlegte Entscheidung. Viel Herzblut, Einsatz und Kraft wurden dem Kiliani über Generationen und über Jahrzehnte gewidmet. Als Festwirt bin ich nun ist seit 38 Jahren mit dem Fest verbunden und im Festzelt aufgewachsen.
Wir, das heißt meine ganze Familie, wir leben und fühlen Kiliani. Wir haben immer selbst daran Freude gehabt, den Menschen in unserer Region Freude zu vermitteln. Deshalb ist es ein schwerer und wehemütiger, aber endgültiger Abschied und das Ende eines Lebensabschnittes, aber auch ein Neuanfang für uns persönlich. Gleichzeitig wird sich nun erweisen, was Freundschaften bedeuten. Danke für die schönen Jahre
Müller Reichart
Thema: Allgemein | Kommentare (1) | Autor: admin