Erste Allgemeine Verunsicherung

Mit neuem Album „Neue Helden“ zu Gast in Würzburg!
Konzerte der EAV sind keine große Jukebox wo das Publikum Geld hineinwirft und aus den Lautsprechern purzeln dann ausschließlich die Hits raus. Das wäre der falsche Ansatz. Die Band würde es dann schon längst nicht mehr in dieser Form geben. Aber es gibt sie, besser denn je. Strapazieren wir nicht das Wort Zeitgeist, denn gerade diese Zeit jetzt, die hat irgendwie wenig Geist. Aber gerade das ist es, weshalb wir in ein Konzert der EAV gehen. Wir hören es, wir mögen es, wir singen es und irgendwann kapieren wir, dass auch wir alle einen kleinen Tritt in den Hintern brauchen.

Musiktheater, Rock- und Popkonzert. Band-Chef Klaus Eberhartinger erklärt: „Viele Gruppen stellen ihre Instrumente auf und machen sonst nichts. Bei uns war immer das visuelle Konzept wichtig, eine Stimmung, eine Vision zu erzeugen, einen roten Faden vorzutäuschen, ein dramaturgisches Gebälk drüber zu spannen, das nur so geächzt hat, weil wir es wirklich vergewaltigt haben.“ Und, verstanden? Nein. Auch gut, denn das alles was Eberhartinger meint und noch viel mehr…das ist die EAV. Die Satire, die Hits und die unglaublichen Reime, die auf dem Witz reiten, weil so auch die Chance gegeben ist, dass irgendwann jeder kapiert, was eigentlich gemeint ist. Die EAV live: Sechs Musiker machen was sie wollen und das auf ihre Art der steirischen Genialität. Die Zeit war nie näher an der EAV als heute. Oder umgekehrt? Nicht fragen. Hingehen, anschauen, anhören und draufkommen, dass in 32 Jahren viel geschehen ist und dass das Kopfschütteln, das Unverständnis und der Zorn nie umsonst waren und sind.

„Bösterreicher“, „Klamauk-Kaiser“, „Die chlorbleichen Sieben“, „Comic-Rocker“ – was für Namen der Band schon in ihr Tagebuch geschrieben wurden. Dabei – und für diese Erkenntnis mussten wir alle erst mit der EAV über 32 Jahre lang reifen – dürfte es heute im Grunde nur heißen: Die Wahrheit, nix als die Wahrheit!

1977 wurde die Erste Allgemeine Verunsicherung in der Steiermark gegründet. Diese Angabe des Geburtsortes ist nicht unerheblich, sind doch die Steirer jenes Völkchen in Österreich, welches die Querdenkerei samt dem Herz auf der Zunge seit jeher lebt. So wundert es nicht wenig, dass schon die Geburtswehen der EAV einst die Erste Allgemeine Versicherungs AG auf den Plan rief. Man drohte, zog später aber die Klage zurück und zeigte sich noch viel später sogar glücklich über die Namensvetternschaft und trat als Sponsor einer Tour auf. Dass die EAV in ihrer Heimat insgesamt mehr Platten als Michael Jackson, die Beatles oder Landsmann Wolfgang Amadeus Mozart verkauft haben, mag auf den ersten Blick wundern, auf den zweiten aber bestätigt das Sextett rund um die kongenialen Frontmänner Thomas Spitzer und Klaus Eberhartinger damit viel mehr eine österreichische Tradition.

Man war in Schnitzelland seit jeher schon Großmeister darin, die Dinge erst auf Umwegen auf den Punkt zu bringen, indem man diese vorher in Schmäh, Zynismus und Witz einpackt, um dann mit der vollen Wucht drauf zu hauen.

Verbale Arschritte haben hier Tradition. Karl Kraus oder Helmut Qualtinger leben, sie sind noch lange nicht tot…was als Witz daher kommt, ist bitterböse Satire, die runter rinnt wie gesalzener Honig, die auf den ersten Blick der Schenkelkracher ist, aber die blauen Flecken die man sich selbst schlägt, die werden erst später sichtbar. Und das ist gut so. Die bekannten Hits der EAV, sie sind nur vermeintliche Gröhler, die, im Übrigen, mittlerweile am ehesten von Jenen verstanden werden, die damals zu Märchenprinz- oder Ba Ba Banküberfall-Zeiten Kinder waren. „Früher als Kinder, da haben wir’s gesungen und gelacht, heute aber, da verstehen wir was ihr eigentlich sagen wollt…das hören wir immer wieder von den Leuten bei unseren Konzerten“, erzählt der Wort- und Kunstreime-Drechsler Thomas Spitzer. Es ist eine gerne gehörte Bestätigung dafür, dass nicht alles umsonst ist, was den Mann so bewegt.

Vor allem der Zorn und das dazu gehörende Kopfschütteln, welches Spitzer und die EAV über die vergangenen Jahre gerade in einer Zeit wie jetzt, mehr als bestätigt. Jahrelang haben sie darüber gesungen, gereimt, sind auf der Bühne gestanden und haben mit ihrer Mischung aus anarchistischem Aktionismus und kreativen, dramaturgischen Konzept den Leuten vom Irrsinn, vom Blödsinn oder auch von der romantischen Liebe (ja, auch diese Seite offenbarte die Band in ihrem Album ‚Amore XL‘) vorgesungen. Und dann kommt die Krise und alles wird noch wahrer als es eh schon war. Politik, Wirtschaft, Medien – die Welt heute ist eine Blaupause der Texte der EAV. „Neue Helden braucht das Land“ heißt die neue CD, die Tour und ein Song des Albums: „Neue Helden braucht das Land, mit den Köpfen tief im Sand und hast du grad ein Karriere-Loch, werde Szene-Tussi oder Fernsehkoch. Neue Helden braucht das Land, mit Goethe sind sie kaum verwandt. Bussi, Bussi, Ciao vom Trottel-TV und am anderen Kanal sucht ein Bauer seine Sau“.

Laut schreien will man bei diesen Zeilen: Na endlich, Gott sei Dank! Bitte weitersingen und auch das Lied über die „Dummheit“ nicht vergessen oder „Bitte Bier“. Die Krise ist da und eigentlich haben wir sie auch alle irgendwie verdient, denn so ganz unschuldig waren wir nicht in unserer kommunalen Sucht nach mehr. Im Song „Wie schön“ rät die EAV dem lieben Gott, sich zu überlegen den sechsten Schöpfungstag möglicherweise nicht doch zu streichen. Dem Eisbären, dem in der Arktis die Scholle unter seinem pelzigen Hintern davon schmilzt, dem dürfte dieser Vorschlag sympathisch sein.

Tickets sind an den bekannten Vorverkaufsstellen, telefonisch unter 01805/607070 (0,14€/Min. / Mobilfunkpreise können abweichen) sowie im Internet unter www.argo-konzerte.de erhältlich.

Wie groß ist die Liebe zur EAV?

Frage: Die EAV gibt es seit über 30 Jahren und es gibt nicht viele Bands, die es so lange im Rampenlicht aushalten. Woher kommt diese Energie und Leidenschaft immer weiter- und weiterzumachen?

Klaus Eberhartinger: Weil wir nix anderes gelernt haben. Das ist halt etwas, was wir immer schon betrieben haben und das ist ein Branding, das ist, wie wenn man in einer anderen Branche einen Namen geschaffen hat, mit dem was Du machst oder was Du produzierst. Wir produzieren halt Shows und Musik. Und dann ist das auch Dein Kind irgendwo und Du bleibst dabei. 

Frage: Sind die EAV-Shows immer noch diese Mischung aus Musik und Theater, die es früher gab?

Klaus Eberhartinger: Viele Band stellen ihre Instrumente auf und machen sonst nichts. Bei uns war immer auch das visuelle Konzept wichtig, eine Stimmung zu erzeugen, eine Vision zu erzeugen, einen roten Faden vorzutäuschen, in einer Show bzw. ein dramaturgisches Gebälk drüberzuspannen, des nur so geächzt hat manchmal, weil wir es wirklich vergewaltigt haben. Das war immer unser Konzept. Deswegen hat’s ja auch immer diese Überbegriffe gegeben „Geld oder Leben“, „Neppomuks Rache“ oder jetzt „Amore XL“, die Liebe als Thema. 

Frage: Für viele Menschen ist die EAV ja eher so eine Spaßband. Aber in den Texten geht es dann doch oft auch ganz schön zur Sachen. War das auch immer ein Konzept, Gesellschaftskritik lustig zu verpacken?

Klaus Eberhartinger: Das war schon immer so, weil die Leute, die das begonnen haben und dann speziell als ich dazugekommen bin, immer auch politisch gedacht haben. Ich war sowieso politisch engagiert auf der Universität, natürlich eher links orientiert und wir waren sehr kritische Geister, wir haben immer die politische Korrektheit auf unsere Fahnen geschrieben. Zwar nie tagespolitische Themen oder parteipolitische Themen, das interessiert uns nicht, aber prinzipielle Positionen haben wir immer gern bezogen bzw. sind dagegen aufgetreten. Atomkraft oder Rassismus, da haben wir auch ein paar Nummern gemacht dagegen, das waren immer so ein zwei Lieder, die man den Leuten zumuten konnte. Das war wichtig für uns und das haben wir uns auch nicht nehmen lassen – „S’Muaterl“ zum Beispiel, die Kirchenkritik oder jetzt eine Nummer die ich liebe ist „Mein Gott ist nicht Dein Gott“. Und ansonsten haben wir uns von der Blödelschiene für uns selber schon auch oft in die Bosheit gerettet. Wir unterhalten, wir wollen, dass die Leute lachen, und dann kann man wieder ein bisschen ernster zu werden. Und seit Amore XL erlauben wir uns auch ernster zu sein. 

Frage:  Wie sieht die große, die echte, die wahre Liebe aus ?

Klaus Eberhartinger: Wenn Liebe da ist und wenn Liebe aktuell ist, dann ist sie immer groß. Es zerreißt einen, es zieht einen hin, man geht über, man leidet unter jeder Trennung, man genießt die Sehnsucht, die einem auch Schmerzen bereitet, um erlöst zu werden vom Wiedersehen oder vom Zusammensein und genießt einfach jede Sekunde. Das ist einfach toll. Das ist ein gegenseitiges Sich-Erfüllen. Es sind plötzlich Sachen, die wichtig waren, nicht mehr so wichtig, weil plötzlich der Mensch wichtig ist. Die große Liebe ist die, die dann die Zeit überdauert, die den Alltag übersteht, die auch die Krisen übersteht.

 Frage: Gehört das dazu, die Krisen?

Klaus Eberhartinger: Natürlich gehört das dazu, es treffen sich ja zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, die beileibe alle zwei nicht perfekt sind. Und auch bei noch so großer Toleranz, irgendwann ist auch die größe Toleranz für gewisse Sachen verbraucht und dann sagt man: Pass auf, das nervt mich. Wenn das dann immer negativer wird und das Positive das Negative nicht mehr ausbalancieren kann, dann ist immer die Zeit der Trennung da, die Chemie wird dann giftig bis gefährlich explosiv und dann sollte man doch aus dem Nebeneinander das sich aus dem Miteinander entwickelt hat ein Auseinander machen. 

Frage: Es geht ja nicht nur um Liebe, sondern auch um Freundschaft.

Klaus Eberhartinger: Es gibt die Freundschaft, die viel gepriesene, die dann abreißt, wenn’s Dir reinscheißt. Dann schaust Du Dich um und suchst die guten Freunde wie die Wasserlöcher in der Wüste. Du wirst ganz wenig finden und vielleicht sogar verdursten. 

Frage: Wieviele gute Freunde gibt’s in Deinem Leben?

Klaus Eberhartinger: In meinem Leben gibt es zwei, vielleicht drei enge Freunde. Gute Freunde nicht mal zehn, der Rest sind Leute, mit denen man sich gut versteht, mit denen man sich immer wieder trifft, wo es einen gewissen Gleichklang gibt, mit denen man sich auslebt aber auch nicht mehr. 

Frage: Und was ist ein enger Freund für Dich?

Klaus Eberhartinger: Ein enger Freund ist einer, dem Du auch Deine Schwächen gestehen kannst und dessen Schwächen Du auch kennst. Das ist ein Für-Einander-da-Sein, eine Art von Liebe auch, sich um den anderen kümmern, auch um die Seelenhygiene und um die geistige Hygiene. Das bedeutet auch einen Streit, ein Gefecht zu akzeptieren, wenn man sagt: Du verlässt mein Wertsystem. Da muss ich jemanden zurechtweisen und er muss mich auch zurechtweisen können und man ist dann ja auch zornig auf diesen Menschen. Nur dieser Mensch hat irgendwann so einen Status, das ich mir das überleg, ob ich im Zorn weggehe. 

Frage: Ihr habt auch das Thema Homosexualität in „Dann und Wann“

Klaus Eberhartinger: Es ist so, dass man einfach die gleichgeschlechtlichen Beziehungen aus dem gesellschaftlichen Ghetto herausholen sollte, weil es das einfach gibt. Das ist auch keine freie Wahl. Und das sind keine Schwulen oder Lesben, weil sie charakterlich nicht in Ordnung sind, sondern das ist einfach eine genetische Vorgabe und die wollen ihre Sexualität auch ausleben und der Sexualtrieb ist nach wie vor der stärkste, den wir haben. Da brechen wir die Lanze in „Dann und Wann“. 

Frage: Du hast ja ganz schön was um die Ohren: die EAV, das Fernsehen, die Operette. In zwei Jahren naht ein runder Geburtstag für Dich, Dein 60. Hast Du schon Ideen, wie eine Altersteilzeit aussehen könnte?

Klaus Eberhartinger: Nein, ich kann mir das nicht vorstellen. Ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, das ich 58 bin, ich realisiere das gar nicht. Manchmal betrifft es mich dann aber doch, oder macht mich betroffen, weil die Zeit so schnell gegangen ist. Mein Verfall hält sich bisher in Grenzen. Ich bin immer noch gut drauf oder besser drauf als die Meisten in meinem Alter. Darauf bin ich aber nicht stolz, sondern ich bin dankbar und hoffe, dass ich es möglichst lange bleibe. Aber wie es dann sein wird im Alter, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass ich immer wieder Betätigungsfelder finden werde. Eine Möglichkeit, die mir gefällt, ist, dass man sich wirklich überlegen kann, in den so genannten Charity-Bereich zu gehen. Da gibt es unglaublich tolle, sinnvolle Sachen, wo man Realitäten verändern kann. Toll. 

Frage: Eine solche Betätigung würde sich wohl Richtung Afrika bewegen? Da engagierst Du Dich ja sehr.

Klaus Eberhartinger: Auf jeden Fall. Jetzt zur Zeit bin ich in Afrika engagiert bei den Flying Doctors und bei AMREF, der African Medical Research Foundation. Die machen sehr tolle Entwicklungsprojekte, in denen sie Leute ausbilden zu Krankenschwestern, Krankenpflegern, medizinisch-technischem Personal und auch Stipendien vergeben, um Leuten ein Medizinstudium im Inland oder auch im Ausland zu ermöglichen, dass dann wirkliche Ärzte und Ärztinnen zurückkommen. Die müssen aber zurückkommen und mit Arbeitskraft zurückzahlen. Das sind tolle Projekte, aber am meisten interessieren mich schon Projekte für Kinder, Schulen, die entsprechend strukturiert sind, dass da wirklich gute Erwachsene dabei rauskommen und wo man das Potential, das da ist, auch wirklich ausschöpfen kann. Natürlich gibt’s Unterschiede von Mehr- oder weniger Begabten, aber viel Potential bleibt auf der Strecke, weil es nicht einmal entdeckt wird. Und ist die Arbeit mit Kindern für mich die Belohnendste.

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Datum: Dienstag, 10. November 2009 21:05
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